2016 vs. 2026: Wie ich in den letzten 10 Jahren zur Feministin wurde

Heute bezeichne ich mich als Feministin. Das war aber nicht immer so. Noch vor 10 Jahren habe ich Feminismus als unnötig und übertrieben belächelt. Der Wendepunkt: mein Start ins Berufsleben als Mutter.

Wenn Privilegien die Sicht versperren

Bevor ich meine Geschichte erzähle, habe ich das Bedürfnis, vorzuwarnen. So etwas wie Achtung, Jammern auf hohem Niveau. Meine Geschichte ist nämlich auch die, wie ich meine Privilegienblindheit nach und nach überwunden habe. Denn ich war und bin in vielerlei Hinsicht in einer sehr privilegierten Situation und das war – rückblickend betrachtet – ganz offensichtlich der Grund, weshalb ich mich so lange vom Feminismus distanziert habe.

Aufgewachsen bin ich als Tochter zweier Akademiker. Ich bin groß geworden in der Gewissheit, dass mein weibliches Geschlecht für meinen Berufswunsch und meine Ziele im Leben nicht relevant ist. Gleichzeitig waren meine Eltern selbst die besten Vorbilder. Sie arbeiteten beide, teilten sich die Care-Arbeit und verkörperten in vielerlei Hinsicht das Gegenteil irgendwelcher Geschlechterstereotype. Deshalb war ich auch überzeugt, dass es möglich ist, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen.

Als Jugendliche hielt ich Feminismus für reines Wichtigtuen unzufriedener Frauen. Der Grund war nicht, dass ich nicht für die Gleichberechtigung der Geschlechter gewesen wäre. Ich dachte schlicht und ergreifend, die gäbe es – zumindest in Deutschland – schon und Feminismus wäre der Wunsch nach ungerechtfertigten Vorteilen.

Auch noch Anfang Zwanzig fand ich Ansätze wie Frauenquoten kontraproduktiv (es solle schließlich nach Eignung und nicht nach Geschlecht entschieden werden) und glaubte, dass Frauen die selben Chancen und Voraussetzungen in unserer Gesellschaft hätten wie Männer. Dass aber in der Realität häufig sehr wohl nach Geschlecht (nämlich nach männlicher Vetternwirtschaft und gegen stereotyp weibliche Eigenschaften) anstatt nach Fähigkeiten entschieden wird, ging völlig an mir vorüber. Das waren Praktiken aus der Generation meiner Großeltern, so glaubte ich.

Der Wendepunkt: Ärztin mit Kind sucht Arbeit

Wir wurden während des Studiums Eltern und konnten uns die Care-Arbeit gut aufteilen. Im Praktischen Jahr in der Klinik erwartete mich dann die Realität. Lange anstrengende Arbeitstage und Nachtdienste waren keine Überraschung, aber hatten mit Familie plötzlich eine ganz andere Bedeutung als als ungebundene Zwanzigjährige, die sich für den Arztberuf entschieden hatte.

Was mich aber mindestens genau so sehr beschäftigte, war etwas anderes.

Vorbilder gesucht

Es gab in der Klinik immer Kollegen mit Kindern und auch zahlreiche Ärztinnen. Aber entweder waren die Kollegen mit Kindern männlich, die Kinder schon deutlich älter, es gab eine Nanny, oder die Ärztinnen hatten noch keine Kinder.

Und dann gab es noch die Ärztinnen, die wenige Wochenstunden arbeiteten, nicht richtig zum Team gehörten und bei denen man den Eindruck bekam, sie waren auch fachlich ziemlich abgehängt.

Letzteres wollte ich nicht, der Rest entsprach nicht meiner Lebensrealität. Wo waren sie also die Frauen, an denen ich mich orientieren konnte?

Diese Situation wurde pointiert von Geschichten von Oberärzten, die fragen, wieso sie an Heiligabend lieber zu Hause sein wollen sollten als im OP. Oder von der allgemeinen Meinung man könne ja als Mutter gut in die Allgemeinmedizin oder Dermatologie gehen, weil es da recht familienfreundlich zugehe.

All das warf für mich die Frage auf, wie ich in dieses System passe. Als Mutter und wo mich doch vor allem ein Fach interessierte: die Gynäkologie und Geburtshilfe, die als operatives Fach in der Klinik so gar nicht „familienfreundlich“ zu sein schien.

Kein persönliches Problem, sondern ein gesellschaftliches

Je mehr ich über diese Zwickmühle nachdachte, stellte sich mir eine weitere Frage: Warum betraf diese Situation in den allermeisten Fällen Frauen? Warum sagte keiner, die Allgemeinmedizin sei doch ein passendes Fach für Väter wegen der geregelten Arbeitszeiten?

Und da wurde mir so richtig bewusst, dass es hierbei nicht nur um die Arbeitsbedingungen von Ärzt*innen geht, sondern, dass dies die typischen Probleme einer Frau in unserer patriarchalen Gesellschaft sind. Solange sich strukturell nichts ändert, werden Frauen ständig vor diesen Herausforderungen stehen, ohne dass die Einzelne eine wirkliche Lösung finden kann. Das ist natürlich keine wirklich neue Erkenntnis, aber für mich war es ein Aha-Moment und setzte für mich manches in eine neue Perspektive

In diesem Rahmen verstand ich auch endlich, dass es beim Feminismus nicht um Besserbehandlung von Frauen oder Männerhass geht, sondern schlicht und ergreifend um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und das zu wollen, ist für mich selbstverständlich.

Die finanzielle Schere zwischen Mann und Frau

Dass meist die Mütter in Teilzeit gehen, um sich um die Kinder zu kümmern, während die Männer einfach so weiter arbeiten wie zuvor, fand ich schon lange problematisch. Welche schwerwiegenden Folgen das langfristig für die Unabhängigkeit von Frauen hat, verstand ich aber auch erst als wir uns ebenso entschieden.

Meist wird diese Entscheidung, wie auch bei uns, damit begründet, dass die Männer mehr verdienen und damit die Gehaltseinbußen beim Mann in Teilzeit größer wären. Die Gründe für diesen Mehrverdienst der Männer sind aber oft nicht nur die unterschiedlichen Berufe, sondern ebenfalls ein Spiegel dessen, wer durch Elternzeiten oder späteren Berufseinstieg wegen der Kinder bereits Gehaltseinbußen akzeptiert hat. Das benennt aber kaum jemand, wenn es um die Entscheidung geht, wer nun wegen der Teilzeit weiterhin auf Geld und Berufserfahrung verzichtet.

Das Problem an dieser Situation ist, dass Frauen damit systematisch abhängig von ihren Männern werden. Sie verfügen über weniger eigenes Geld – besonders im Alter durch geringe Renten auf Grund des geringen Einkommens – und werden durch mangelnde Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt unattraktiv.

Eine Situation, die sich durch besser geteilte Sorgearbeit und damit berufliches Kürzertreten beider Partner*innen gerechter verteilen ließe.

Darf sie das?

Nach dem Studium entschied ich mich zunächst für eine vermeintlich „vernünftige“ Stelle in Teilzeit mit geregelten Arbeitszeiten in einem Fach, das mich nur mittelmäßig interessierte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie eine Stelle in der Klinik funktionieren sollte mit zwei kleinen Kindern und Betreuungszeiten, die wegen Personalmangels ständig gekürzt wurden.

Diese Situation katapultierte mich nicht nur weiter in die Spirale der Frau-arbeitet-Teilzeit-versaut-ihre-Rente-Mann-steigt-auf-die-Einkommensschere-explodiert, sondern auch in große Unzufriedenheit. So froh ich war, für meine Kinder da sein zu können, genügte es nicht, um mich zu erfüllen.

Ja, ich liebe meine Familie und will Zeit mit ihnen verbringen, aber ich will auch in einem Beruf arbeiten, der mich begeistert.
Ich will nicht nur ab und zu bei der Arbeit sein, sondern so viel, dass ich gut werden kann, in dem, was ich tue.

Und dann kamen wieder die Zweifel: Darf ich all das wollen? Muss ich mich nicht entscheiden? Warum müssen Männer sich nicht entscheiden? Nach langem Zerdenken dieser Frage, weiß ich: auch Männer müssen sich entscheiden, nur wird von ihnen häufig etwas anderes erwartet und ihre Entscheidungen werden anders bewertet.

Von Veränderungen und Vorbildern

Nach vielem Grübeln über die Ungerechtigkeit unseres verkorksten patriarchalen Systems kam ich zwar nicht zu einer Lösung, aber traf eine Entscheidung.

Ich wollte es trotzdem tun: Mich trotz der vielen Gründe dagegen, doch für den Beruf entscheiden, den ich mir wünschte, für das Fach, das mich begeistert. Und das bedeutete auch für die Stelle in der Klinik und auch dafür, Verantwortung in der Familie abzugeben und neu zu verteilen.

Bisher habe ich meine Entscheidung nicht bereut. Mein Beruf in der Frauenheilkunde macht mir Spaß und passt viel besser zu mir als die Stelle zuvor. Auch uns als Familie hat dieser Schritt weitergebracht. Wir haben die Aufgaben neu verteilt, so dass es sich ausgeglichener anfühlt. Das hat mich ebenfalls deutlich zufriedener gemacht.

Hinzu kommt noch ein ganz anderer Aspekt meiner Entscheidung. Wir sind viele Frauen in unserem Team, auch bei den Oberärzt*innen. Einige von uns haben Kinder (auch die Oberärztinnen). Natürlich ist auch hier ist vieles weit weg von perfekt (die Chefetage ist z.B. rein männlich). Aber ich hoffe, wir können die Vorbilder sein, die ich damals am Ende des Studiums gebraucht hätte. Als ich dachte, es gäbe für Menschen wie mich (sprich: Ärztin mit Kindern) nur den einen Weg.

Was hat das jetzt mit Feminismus zu tun?

In meinem Fall geht es natürlich auch um die Frage, wie die Arbeitsbedingungen von Ärzt*innen gestaltet sein sollten. Dennoch ist meine Geschichte der Grund, warum ich verstanden habe, dass wir Feminismus brauchen.

Seit diesem Moment konnte ich endlich über meinen eigenen Tellerrand sehen und entdecke dort täglich 1000 weitere Gründe, feministisch zu sein.

Dabei ist mir eines ganz wichtig, zu betonen. Wenn selbst mich mit all meinen Privilegien das Problem betrifft, dann muss es so viele weiblich gelesene Personen ohne diese Privilegien noch so viel dringender betreffen. Das dürfen wir nicht ignorieren. Deshalb müssen wir uns immer weiter für die Gleichberechtigung einsetzen, die wir uns alle so sehr wünschen und die wir so dringend brauchen.

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