Auf Social Media bin ich vor einigen Tagen auf ein Profil gestoßen, das mich zuerst massiv geärgert und dann zum Nachdenken gebracht hat. Es gibt sicherlich jede Menge solcher Profile, aber ich bin eben über dieses eine gestoßen. Eine Frau gibt dort als „zertifizierte Ernährungsberaterin“ sogenannte Gesundheitstipps. Unter diesem Deckmäntelchen verbreitet sie extrem gefährliches Halbwissen, Schwurblerei und (gefährliche) medizinische Fehlinformationen.
Missinterpretation von Studien und verdrehte Kausalzusammenhänge
Besagt Content Creatorin fährt wirklich das volle Programm an Leugnung von medizinischem Wissen auf ihrem Kanal auf. Da werden der Nutzen von Sonnenschutz geleugnet, medizinische Studien zu Chemotherapeutika falsch zitiert, so dass der Eindruck entsteht, diese würden Krebs fördern, anstatt ihn zu bekämpfen und naturheilkundliche Mittel wie Heilkräuter als gleichwertige Alternative zu Antibiotika propagiert. Selbst wenn es um Krebstherapien geht, argumentiert sie ähnlich mit der „korrekten“ Ernährung, „Entgiftung“ und der Vermeidung von Übersäuerung als die wahren Heilmittel gegen Tumorerkrankungen.
Die Argumentation: Antibiotika sind schlecht für die Darmflora – was per se nicht falsch ist, weil sie nicht zwischen den „guten“ Darmbakterien und den bösen krankmachenden Bakterien unterscheiden. Die Schlussfolgerung, die deutlich zu kurz greift: Antibiotika sind insgesamt schädlich. Dass sie häufig Leben retten, wird unter den Tisch gekehrt.
Die Argumentation geht weiter mit den Heilkräutern als Ersatz für Antibiotika. Die Kräuter haben erwiesenermaßen antibakterielle Eigenschaften – was für manche Kräuter stimmt. Die völlig falsche Schlussfolgerung: diese Kräuter sind also gleichwertig zu Antibiotika und die bessere Wahl zur Bekämpfung bakterieller Erkrankungen, weil sie ja nicht die Darmflora schädigen.
Mit ähnlichen Argumentationsketten rechtfertigt sie all ihre Behauptungen und (Produkt-) Empfehlungen.
Die wahre „böse Pharmaindustrie“: Wenn Influencer an Angst und Unwissen verdienen
Der letzte Punkt ist hauptsächlich der Grund, warum ich dieses Thema hier aufgreife. Denn auch, wenn einige Kommentare, mit wissenschaftlichen Argumenten versuchen, gegen all diese Fehlinformationen anzukommen, sind erschreckend viele völlig begeistert und dankbar(!) für die Tipps und das Teilen dieses so „wertvollen Wissens“.
Das ist der Beginn eines gefährlichen Teufelskreises. Diese begeisterten Follower sind bereit, eine Menge Geld für die angepriesenen Mittel zu bezahlen. So entsteht für die „Gesundheitsinfluencerin“ ein riesiger Antrieb, auch weiterhin solche Positionen zu vertreten. Einfach weil sich wunderbar Geld mit der Ahnungslosigkeit der Menschen machen lässt.
Das perfide daran ist ja, dass gerade in l diesen Kreisen auf die bösen Ärzt*innen geschimpft wird, die mit der Pharmaindustrie verbandelt sind und die Menschen krank machen bzw. halten wollen, so dass sie langfristig Geld an den Patient*innen verdienen.
Das finde ist nicht nur eine haltlose Beleidigung gegenüber den allermeisten Ärzt*innen, es verdreht auch ganz offensichtlich die Tatsachen. Am Ende stehen dabei die gut da, die sich tatsächlich persönlich an der Angst und der Krankheit der Menschen bereichern.
Wollten wir Ärzt*innen wirklich reich werden, würden wir sicher nicht 12 bis 24 Stunden-Schichten schieben, auf unsere Pausen verzichten und einspringen, obwohl wir eigentlich frei hätten, damit das System nicht zusammenbricht. Dann wären wir doch alle in der Wirtschaft besser aufgehoben. Oder als Influencer auf Social Media.
Die Abkehr von der Medizin
Das wirklich gefährliche an der Sache ist, dass diese Menschen sich der echten Medizin verschließen. Diese wird schließlich ausschließlich negativ besetzt und den angepriesenen Methoden wird jede nur erdenkliche Heilkraft zugesprochen. Ich weigere mich übrigens hier den Begriff „Schulmedizin“ in Abgrenzung zur „Alternativmedizin“ zu verwenden, seit ich das Buch „Was wirklich wirkt“ von Natalie Grams gelesen habe (große Leseempfehlung übrigens). Denn es ist eben einfach die Medizin vs. andere vermeintliche Heilmethoden ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage.
Bei ernsthaften Erkrankungen riskieren die Follower*innen so ihre Gesundheit und im schlimmsten Fall ihr Leben – und das ihrer Kinder.
Medizin vs. Mythos: Warum (Gesundheits-) Bildung die einzige Antwort auf Fehlinformationen ist
Gegen die Boshaftigkeit solcher Inhalte kann man nichts tun. Das einzige, das wirklich gegen solche Fehlinformationen hilft, sind Bildung und Aufklärung! Nicht für die Ersteller*innen solcher Inhalte, aber für die potentielle Zielgruppe.
Wer in der Lage ist, naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu begreifen, Studien zu verstehen und grundlegendes Wissen zum menschlichen Körper und Gesundheit hat, ist viel weniger anfällig für solche pseudowissenschaftlichen Argumentationen.
Deshalb habe ich aufgehört, mich über die Anhänger solcher Inhalte lustig zu machen. Häufig folgen sie diesen Theorien und Ideen aus Verzweiflung und weil sie sich von der Medizin im Stich gelassen und nicht verstanden fühlen. Der Grund hierfür liegt sicherlich auch an unserem Gesundheitssystem in dem Ärzt*innen viel zu wenig Zeit für ihre Patient*innen und das Gespräch mit diesen haben.
Nichtsdestotrotz ist die Lösung nicht die Abwendung von evidenzbasierten Therapien. Denn damit ist wirklich niemandem geholfen, außer dem Geldbeutel derer, die die vermeintlichen Alternativen bewerben und den Firmen, die die Produkte herstellen.
Vielleicht sollten wir also hier nochmal überlegen, wer die „böse Pharmaindustrie“ wirklich ist (ohne die „echte“ Pharmaindustrie in Schutz nehmen zu wollen, wenn es um Gewinnmaximierung geht) und uns im nächsten Schritt überlegen, wie Gesundheitsbildung aussehen kann, damit sie die Menschen noch besser erreicht.