Auf meinem Teeschildchen stand neulich der Spruch „Leben ist Teilen“. Mein erster Impuls war, das Schildchen abzureißen und wegzuwerfen, weil der Spruch mal wieder so plump war, dass ich nur genervt statt inspiriert war.

Dann hat der Satz aber doch in mir gearbeitet und letztendlich möchte ich mein Augenrollen durch eifriges Nicken ersetzen.
Im stillen Kämmerlein schreibe ich momentan Texte zum Thema Nachhaltigkeit im Alltag. Je mehr ich darüber schreibe, umso mehr wird mir bewusst, wie relevant auch – oder gerade – im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit der Aspekt Soziales ist. Nachhaltigkeit bedeutet ja, so zu handeln, dass die Möglichkeiten und Ressourcen für nachfolgende Generationen erhalten werden*. Dazu muss eine Gesellschaft sich zwingend um soziale Themen wie Bildung, Geschlechtergerechtigkeit, Teilhabe usw. kümmern.
Beim Schreiben wird mir auch immer wieder klar: wenn wir wirklich nachhaltig leben wollen, müssen auch wir persönlich in unseren Entscheidungen den sozialen Aspekt mitdenken. Egal ob es um Kaufentscheidungen geht (wer hat mein Produkt hergestellt, hat die Person dafür eine angemessene Bezahlung erhalten, etc.) oder um unsere persönlichen Projekte. Wenn wir Saatgut sammeln können wir uns auch gleich überlegen, ob wir nicht einen Tausch mit anderen organisieren (oder uns einem solchen Tausch anschließen wollen). Wenn wir Kleidung aussortieren, sollten wir überlegen, was mit dem Aussortierten passiert bzw. an wen wir es ggf. weitergeben können. Wenn ich etwas besonders gut kann, kann ich überlegen, wie ich andere daran teilhaben lassen kann (Stichwort Bildung). Die Möglichkeiten für solche kleinen oder großen sozialen Entscheidungen sind schier endlos.
Zurück zum Tee-Spruch.
Leben ist also Teilen, wenn wir das Soziale im Leben mitdenken und z.B. die Dinge, die wir zu viel haben, nicht mehr benötigen oder die wir gut können, mit anderen teilen.
Leben ist aber auch dann Teilen, wenn wir den sozialen Aspekt nicht mitdenken. Wenn wir das T-Shirt aus Kinderarbeit kaufen oder in Shops bestellen, die Lohndumping betreiben. Wir sind alle Teile eines großen Systems, in dem meine Entscheidung immer auch einen Einfluss auf die anderen in diesem System hat. Wenn ich mich also für das Produkt aus Kinderarbeit entscheide, dann bin ich Teil dieses Systems und unterstütze es. Das heißt nicht, dass ich das Leid mit den Kindern teile, die mein T-Shirt hergestellt haben. Aber es heißt dennoch, dass ich mit deren Schicksal verbunden bin. Das sollten wir uns bewusst machen.
Leben ist also in vielerlei Hinsicht Teilen. Im positiven wie im negativen Sinne.
Tja, dieser Absatz ist jetzt fast so platt wie der Teebeutelspruch. Aber ich hoffe, der Gedanke dahinter ist es nicht.
Wie siehst du das?
*vgl https://www.bmz.de/de/service/lexikon/nachhaltigkeit-nachhaltige-entwicklung-14700