“Liebe Mariella, sei still wie ein Mäuschen, pass auf wie ein Luchs, sei fleißig wie ein Bienchen, dann wirst du schlau wie ein Fuchs”.
Für die einen sind es lieb gemeinte Wünsche zur Einschulung, für mich der Anlass für schlechte Laune und diesen Text.
Man kann meine Reaktion total übertrieben finden, schließlich gibt hier eine Uroma ihrer Urenkelin – mit Sicherheit in bester Absicht – neben guten Wünschen, einen Rat, wie sie sich in der Schule zu verhalten hat, um dort erfolgreich und glücklich zu sein. Also alles super, oder?
Mich hat diese Anzeige allerdings in Rage gebracht – und die Frage aufgeworfen: Wünschen wir uns wirklich solche Mädchen?Mädchen, die still sind wie ein Mäuschen.
Klar sollen sich die Kinder in der Schule so verhalten, dass sie selbst und die anderen dem Unterricht folgen können. Aber “still wie ein Mäuschen” hat für mich einen herben Beigeschmack – vor allem, wenn wir es einem Mädchen wünschen: verhuscht, bloß nicht auffallen, auf keinen Fall stören.
Auch nicht, wenn man etwas zu sagen hat. Schon gar nicht, um zu widersprechen.
Das Mädchen wird dann vielleicht nicht nachfragen, wenn es etwas nicht versteht. Das Mädchen lernt nicht, in die Auseinandersetzung zu gehen, zu diskutieren, den eigenen Standpunkt zu vertreten. Aber genau so lernt man: durch (hinter-) fragen und kritische Auseinandersetzung mit Inhalten und den Meinungen anderer. Das verwehren wir Mädchen, wenn wir sie auffordern “still wie ein Mäuschen” zu sein. Und das hat nichts damit zu tun, Stören im Unterricht nicht zu tolerieren.
Wenn man genauer hinsieht, enthalten wir auch den Jungen damit wichtige Lerninhalte vor. Unter anderem, dass man sich mit den Argumenten von Mädchen/Frauen auseinandersetzen muss, weil ihre Standpunkte es genauso wert sind, gehört und überdacht zu werden, wie der eigene. Eine Erkenntnis, die geradezu Grundlage ist, für eine Gesellschaft, in der ein gleichberechtigtes Miteinander herrscht.
Und ja, ich nehme an, für einen Jungen hätte man einen anderen Spruch gewählt.
Daraus folgt nicht nur die Frage, was das über unser Bild von Mädchen und Frauen vs. Jungen und Männern sagt. Es macht auch deutlich, wie dieses Bild in unseren Köpfen auch in Zukunft die Entstehung einer gleichberechtigten Gesellschaft sabotiert. Indem wir dieses Bild über die Generationen weitergeben, halten wir Mädchen und Frauen – vielleicht auch unbewusst – klein.
Genau deshalb regt mich dieser vermeintlich harmlose Zweizeiler zum Schulanfang so auf. Wegen der Botschaft, die er den Mädchen unterschwellig mit auf den Weg gibt und weil diese Botschaft so in unseren Köpfen verankert ist, dass wir den Text beim Lesen erstmal total normal und vielleicht sogar süß finden.
Die mahnenden Worte können wir uns sparen, wenn wir versuchen, in unserer Erziehung Wissbegierde, Empathie und Rücksichtnahme zu vermitteln. Sollten wir unseren Kindern – egal ob Mädchen oder Jungen – zum Schulstart nicht vielmehr Wünsche mit auf den Weg geben, die sie (be-)stärken?
Ich kann deine Rage sehr nachempfinden. Wie wenig sich in manchen Köpfen geändert hat! Und nur weil sich etwas reimt und um niedliche Tiere dreht, muss es nicht stimmen und erst recht nicht gut sein. Aber dieses Image mit der goldigen Uroma, die es ja „nur lieb meint“ umgibt diesen Rat dann mit einer Schicht von Nichtkritisierbarkeit. Danke, dass du darüber gebloggt hast, wir brauchen noch viel mehr solcher Stimmen online und öffentlich!
Liebe Angela, vielen Dank für deine positive Rückmeldung auf meinen Text! Es tut gut, zu sehen, dass sich eben doch etwas in den Köpfen tut, wenn auch langsam. Wenn wir also gemeinsam dran bleiben, darüber zu sprechen, kommt es hoffentlich zu einem Wandel.